Tram Affoltern – so nicht!
Neulich war ich wieder einmal an der Wehntalerstrasse. Dabei wurden wir spontan in den Garten einer jungen Familie gebeten. «Ja, wir sind schon für ein Tram. Aber muss es ein Projekt sein, dass die Anwohner:innen der Wehntalerstrasse derart belastet, » war ihre Frage. Denn der Garten wird einfach verschwinden.
So wie dieser Familie geht es allen Menschen an der Wehntalerstrasse. Der gesamte Strassenraum wird massiv verbreitert. Auf der ganzen Länge von 4 Kilometern rückt die Strasse überall direkt an die Hausfassaden. Rücksichtlos werden Vorgärten oder Vorplätze für Gewerbetreibende zubetoniert. Und alle 682 Bäume entlang der Strasse, werden gerodet – die grösste Baumfällaktion seit Menschengedenken im Siedlungsgebiet der Stadt Zürich.
Verkehrlich ist das Projekt einfach nur schrecklich. Am Zehntenhausplatz zum Beispiel: Damit der Autoverkehr ungehindert rollen kann, wird Ausweichverkehr durch das Quartier gelenkt. Und eine zusätzliche Autospur wird sogar unter ein Hochhaus platziert. 562 Millionen Franken ausgeben, damit auch ganz sicher kein Auto weniger in die Stadt fahren wird?! Kein Umsteigen mehr auf den öffentlichen Verkehr? Und Netto-Null – eh scheissegal!
Die SP hat sich in den letzten Jahren als Velopartei zu profilieren versucht – an der Wehntalerstrasse sicher nicht. Gemäss den gültigen Velostandards müsste ein baulich abgesetzter Veloweg mit einer Breite von 1.80 bis 2.20 m Breite entstehen. Geplant ist aber ein viel zu schmaler und damit gefährlicher Velostreifen – bei Tempo 50 und einer Verkehrsmenge von bis zu 25’000 Autos pro Tag.
Heute schon stark belastet sind die Anwohner:innen durch den Strassenverkehrslärm. Nun verlieren sie nicht nur einen schützenden Abstand zur Strasse, es gibt auch keinerlei Lärmschutzmassnahmen. Mit Tempo 30 stünde zwar ein bewährtes Mittel zur Verfügung, aber nein, die über 4’000 lärmbetroffenen Anwohner:innen erhalten keinen verbesserten Lärmschutz.
Wenn eine Strasse viel breiter wird, braucht es dafür Land. Viele Grundeigentümer werden deshalb enteignet. Rund 100 Millionen werden allein für Landenteignungen ausgegeben. Wegen diesen Enteignungen steigen die Kosten massiv an: Die Limmattalbahn kostete noch 45 Millionen Franken pro Kilometer, ein Kilometer Tram Affoltern dagegen schon 116 Millionen. Die liberale FDP wird damit zur Enteignungspartei.
Affoltern ist heute gut dem öffentlichen Verkehr erschlossen und dieser wird immer noch ausgebaut. Ein dichterer Takt bei den Quartierbuslinien 61und 62, grössere Busse bei der Linie 80, ein deutlicher Ausbau der S-Bahn ist geplant. Bei der Buslinie 32 sind einige wenige Kurse am Morgen überlastet. Ein Taktverdichtung von 6 auf 5 Minuten, wäre heute schon sinnvoll, um die Kapazität um 20% erhöhen. Dafür müsste man nur drei neue Busse kaufen. Stattdessen lässt die Stadt die Pendler:innen im Stich und hofft irgendwann einmal ein Tram betreiben zu können.
Am 14. Juni die Stadt ein Projekt durchpauken, das aus der Zeit gefallen ist. Die knappen politischen Mehrheiten bestehend aus SP, FDP und Mitte machen dabei mit, obwohl niemand mit dem Projekt glücklich ist. Zeit also, Nein zum städtischen Beitrag zu sagen. Mit kurzfristigen Massnahmen kann die ÖV-Situation in Affoltern verbessert werden. Damit bleibt dann Zeit, das Tram Affoltern neu zu planen: Quartierverträglich, ökologisch und kostenbewusst. Affoltern hat ein besseres Tram verdient.
Markus Knauss, ehemaliger Gemeinderat und Präsident der vorberatenden Verkehrskommission