Null Verkehrstote: Warum Zürich sich dieses Ziel setzen muss
Mobilität ist Freiheit, aber nur, wenn sie niemanden das Leben kostet. In der Stadt Zürich starben 2025 fünf Menschen im Strassenverkehr, drei davon zu Fuss. Zugleich wurden so viele Menschen schwer verletzt wie seit 2018 nicht mehr. Zwar verzeichnet die Stadt in der Summe so wenige Unfälle wie seit zehn Jahren nicht, doch wer kein Blech um sich herum hat, ist weiterhin gefährlich unterwegs. Rund vier von fünf Schwerverunfallten sind zu Fuss, auf dem Velo oder dem E-Bike unterwegs.
Deshalb werden wir Grünen die Volksinitiative «Vision Zero» lancieren. Sie verlangt, dass die Stadt ein einfaches, aber radikales Ziel in ihrer Gemeindeordnung verankert: keine Verkehrstoten und keine Schwerverletzten mehr. Das klingt utopisch, ist es aber nicht. Vision Zero ist ein seit den 1990er-Jahren in Skandinavien erprobter Ansatz. Städte wie Oslo und Helsinki verzeichnen heute ganze Jahre ohne einen einzigen Verkehrstoten. Der gemeinsame Nenner ist immer derselbe: tiefe Geschwindigkeiten, sichere Kreuzungen, geschützte Velowege. Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Menschen machen Fehler, und ein gutes Verkehrssystem verzeiht sie, statt sie mit dem Leben zu bestrafen.
Der Wille der Stadtbevölkerung ist längst da. Sie hat Ja gesagt zu den Velovorzugsrouten und zu Tempo 30, mit klaren Mehrheiten für eine sichere Mobilität. Was fehlt, ist also nicht das Wissen und nicht die Mehrheit, sondern der Handlungsspielraum. Denn die Stadt wird ausgebremst, gerade wenn sie ihre Bevölkerung schützen will. Der Regierungsrat liess einen provisorischen Veloweg am Neumühlequai über Nacht entfernen. Der kantonale Anti-Stau-Artikel blockiert selbst kleine Schritte zu sicherer Infrastruktur. Und der Bund will Tempo 30 auf verkehrsorientierten Strassen per Verordnung erschweren, am Parlament vorbei. Die Initiative ist deshalb auch ein demokratisches Signal: Die Zürcher Stimmbevölkerung soll bekräftigen, dass sie sichere Strassen will, und sich diesen Anspruch nicht von Kanton und Bund wegverhandeln lässt.
Konkret soll die Initiative eine verbindliche Strategie mit überprüfbaren Zwischenzielen, die systematische Entschärfung von Unfallschwerpunkten innert Frist, Tempo 30 an sensiblen Orten wie Schulwegen und Wohnquartieren sowie den prioritären Ausbau sicherer Infrastruktur für den Fuss- und Veloverkehr verlangen. Im Zentrum stehen dabei die Schwächsten: Kinder auf dem Schulweg, ältere Menschen und alle, die ohne schützendes Blech unterwegs sind. Eine Stadt, die für sie sicher ist, wird am Ende für alle sicher.
Vision Zero ist mehr als Verkehrspolitik. Eine Stadt, die konsequent auf Sicherheit setzt, wird für alle lebenswerter: leiser, gesünder, gerechter. Sie gibt den öffentlichen Raum den Menschen zurück, statt ihn dem Tempo zu opfern. Zürich hat die Wahl. Sie kann sich mit einem guten Jahr zufriedengeben, oder sie kann sich das Ziel setzen, das als einziges vertretbar ist: dass niemand mehr im Verkehr sterben oder schwer verletzt werden muss.
Eticus Rozas, Co-Präsident GRÜNE Stadt Zürich