Eine Ode an den Juni

Einer meiner Lieblingsmonate: Feministischer Streik, Pride-Monat, mein Geburtstag und Sommer, Sonne, gute Laune. Gerade in Zürich ist der Juni ein Traum: grossartige Openairs, lange Nächte, das Wasser in der Limmat und im See ist endlich genug warm, aber auch immer noch eine angenehme Erfrischung. Ich liebe den Sommer, ich liebe den Juni. Aber neben all diesen Glücksgefühlen brodelt da auch wiederholt etwas anderes, nämlich die Wut.

Sie ist mein ständiger Begleiter, wenn ich davon lese, dass schon wieder ein Sexualstraftäter mit einer Bewährungsstrafe davonkommt, weil er ja nicht vorbestraft sei und jetzt brav eine Therapie mache. Die posttraumatischen Belastungsstörungen der Opfer scheinen da nebensächlich zu sein. Oder das Gefühl kommt wieder hoch – die Wut – wenn eine Freundin erzählt, wie sie in einer Sitzung nicht ernst genommen wurde, weil sie ja Deutsche und eine Frau sei. Ich bin hässig, wenn ich in den Kommentaren unter Videos gegen die Chaos-Initiative lese, dass die Leute ja generell nichts gegen Ausländer haben, aber das Boot sei nun mal voll. Das Gefühl wird grösser, wenn mir ein Arbeitskollege erzählt, er suche seine Ferienorte und seine Reiseroute immer sehr behutsam aus, da er Angst habe, dass sonst ihm oder seinem Freund etwas passiert. Und ich werde wütend, wenn ich höre, dass Herr Rösti und das nationale Parlament schon wieder den Volkswillen in Sachen Klimaschutz und Energiewende nicht ernst nehmen. Ich könnte hier noch dutzende von Bespiele aufzählen, welche mich jeden Tag aufs Neue wütend machen.

Zum Glück bin ich nicht allein wütend. Zum Glück gibt es noch so viele andere Menschen, vor allem FINTAs, die gemeinsam mit mir wütend sind. Gemeinsam können wir diese Wut in revolutionäre Energie umwandeln. Und es gibt nichts Schöneres, als sich gemeinsam stark zu fühlen. Zum Beispiel am feministischen Streik, wenn sich alle gemeinsam niederlegen und schweigen und dann wie eine Welle aufstehen und die Wut herausschreien. Diese Solidarität kennt keine Generationengrenzen, neben mir laufen Frauen, die schon 1991 auf die Strasse gegangen sind, und Mädchen, die zum ersten Mal dabei sind. Plötzlich wird die Wut, die ich sonst allein herunterschlucke, zu dem, was sie ist: laut, sichtbar, strukturell und politisch.

Diese Energie nehme ich mit, vom feministischen Streik bis zur Pride, denn die Kämpfe sind nicht voneinander zu trennen. An der Pride, wo wir die Vielfalt feiern, für den Schutz von jungen queeren Menschen auf die Strasse gehen und wissen, dass mensch nicht allein ist. Gemeinsam sind wir stärker. Gemeinsam sind wir hässig. Gemeinsam können wir etwas bewegen.