Vorbildprojekt mit Ausstrahlung über Zürich hinaus

In die temporäre Wohnsiedlung Fogo am Vulkanplatz mit über 30 Wohnungen für junge Menschen in Ausbildung und Geflüchtete kommt bald Leben. Das Projekt der Stiftung Einfach Wohnen SEW überzeugt durch Innovation und die Einhaltung der Ziele der Grünen.

Bezahlbare und ökologisch vorbildliche Wohnungen und Gewerberäume vermieten und erhalten: Zu diesem Zweck hat die Stadt Zürich die Stiftung Einfach Wohnen gegründet. Die Zürcherinnen und Zürcher haben der neuen Stiftung, die aus einer Initiative der Grünen hervorging, im Jahr 2013 mit über 75 Prozent deutlich zugestimmt.

Die Stiftung trägt dazu bei, den Anteil der gemeinnützigen Wohnungen in der Stadt Zürich auf einen Drittel zu erhöhen. Und sie verfolgt die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft. Beide Anliegen sind in der Gemeindeordnung verankert.

Das ganze Quartier profitiert

Umso mehr freut es mich, dass im Winter 2018 die Bewohnerinnen und Bewohner in die Siedlung «Wohnen am Vulkanplatz» einziehen. Das erste realisierte Projekt der Stiftung überzeugt mit einem innovativen und integrativen Ansatz: Auf dem Geerenweg-Areal beim Bahnhof Altstetten wohnen Geflüchtete und junge Menschen in Ausbildung Tür an Tür. 22 Wohnungen vermietet die Stiftung an das Jugendwohnnetz Juwo. 11 Wohnungen sind an die Asylorganisation Zürich (AOZ) vermietet.

Erstellt wurden die Wohnungen in energetisch und ökologisch vorbildlicher Holzmodulbauweise. Eine Photovoltaik-Anlage wird die Wohnungen mit Strom versorgen. Die Zwischennutzung für die nächsten 20 Jahre ist Teil des Gesamtprojekts Fogo: Auf dem benachbarten Teil des städtischen Areals ist eine temporäre Wohnsiedlung der AOZ mit Gewerberäumen untergebracht. Ebenfalls sind ein grosser Spielplatz und Treffpunkte fürs Quartier vorgesehen. Fogo hat in Rekordzeit (siehe auch Interview unten) nicht nur dringend benötigten und bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen und Geflüchtete geschaffen, sondern hat das grosse Potential zu einem neuen Treffpunkt fürs ganze Quartier zu werden.

(Stadtrat Daniel Leupi, Stiftungsratspräsident SEW)

 

Interview mit Julia Kotai, Stiftungsrätin SEW, und Jean-Marc Hensch, Präsident Jugendwohnnetz Juwo.

Die SEW als Investorin setzt das Projekt zusammen mit der AOZ und dem Juwo um. Das «Grüne Blatt» hat sich mit Julia Kotai, Stiftungsrätin SEW, und Jean-Marc Hensch, Präsident Jugendwohnnetz Juwo, über Ziele, Visionen und Umsetzung der Wohnsiedlung am Vulkanplatz unterhalten.

Die Wohnsiedlung «Wohnen am Vulkanplatz» ist das erste realisierte Projekt der Stiftung Einfach Wohnen. Warum ausgerechnet eine temporäre Nutzung zum Start?

Julia Kotai: Inspiriert für das Zwischennutzungsprojekt hat ein Beispiel aus Österreich (PopUp Dorms in Wien Aspern), wo für 40 Studierende eine temporäre Holzmodulbauanlage im Passivhausstandard erstellt wurde.

Ein solches Projekt entspricht den Zielen der SEW und kann erst noch in relativ kurzer Zeit realisiert werden.

Julia Kotai: Das erste erstellte Projekt ist es ganz einfach deshalb, weil die gesamte Planungs- und Bauzeit sehr kurz war. Die Stiftung hat übrigens bereits vor der Fertigstellung dieses Projekts Liegenschaften gekauft und weitere Bauprojekte, etwa auf dem Areal Guggach, sind in der Pipeline.

Welche Idee steckte dahinter, gemeinsamen Wohnraum für Studierende und Asylsuchende zu schaffen?

Julia Kotai: Die Stiftung suchte Partner, die bereits Erfahrungen mit temporärem Wohnen hatten und die Wohnanlage mieten würden. Von Anfang an waren wir mit dem Jugendwohnnetz Juwo und der Asylorganisation Zürich AOZ im Gespräch, da temporäres Wohnen sehr gut mit dem Jugendwohnen und dem Flüchtlingswohnen vereinbar ist. Die Organisationen hatten zudem bereits Erfahrung in der Zusammenarbeit.

Vor allem der Asylbereich hat Schwankungen in der Nachfrage nach Wohnraum. Das Projekt erlaubt da eine Flexibilität zwischen dem Bedarf der Asylorganisation und dem Jugendwohnen. Wir wollen mit diesem Projekt auch einen Beitrag zur Integration von verschiedenen Bevölkerungsgruppen leisten.

Wie ist bezahlbarer Wohnraum an diesem Ort überhaupt finanzierbar?

Julia Kotai: Das war nicht ganz so einfach. Das temporäre Projekt musste wie ein «definitives» Bauwerk bewilligt werden und entsprechende Auflagen (z.B. Lärmschutzwand und Lift) erfüllen, mit wenigen Ausnahmen (z.B. Grösse der Abstellräume, Anzahl Parkplätze).

Durch die Holzmodulbauweise und die kurze Bauzeit liess sich aber die Wohnanlage kostengünstig erstellen: Die vorgefertigten Holzmodule waren in sieben Tagen angeliefert und zusammengebaut, die gesamte Bauzeit – vom Spatenstich bis zum Bezug – betrug nur sechs Monate.

Für den Mietzins relevant sind auch der sehr einfache Ausbau und die Grösse der Wohnungen. Bei einer Belegung von einer Person pro Schlafzimmer beträgt der durchschnittliche Flächenverbrauch pro Person etwa 22 Quadratmeter, inklusive Gemeinschaftsraum.

Wie ist es bei diesem Projekt gelungen, die Vorgaben der Stiftung zu erfüllen, gleichzeitig auch energetisch und ökologisch vorbildlich zu bauen?

Julia Kotai: Die Holzmodulbauweise, der Einsatz von erneuerbaren Energien und das Bauen ohne Untergeschoss erfüllen diese Ziele. Der geringe Flächenverbrauch pro Person – halb so gross wie der städtische Durchschnitt – ist ein wichtiger und wirtschaftlich günstiger Schritt in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft. Damit halbiert sich praktisch der Energieverbrauch und der CO2-Ausstoss, der auf das Wohnen entfällt.

In der Siedlung «Wohnen am Vulkanplatz» leben Junge in Ausbildung Tür an Tür mit Geflüchteten. Was erhoffen Sie sich von der durchmischten Nachbarschaft? Und wo sehen Sie auch Herausforderungen im Alltag der Mieterschaft?

Jean-Marc Hensch: Die meisten Juwo-Mieterinnen und –Mieter leben in durchmischten Nachbarschaften, von der Alterssiedlung bis zur «normalen» Genossenschaftssiedlung. Erstmals sind nun Geflüchtete und Studierende in einer Siedlung und wir erhoffen uns eine gute Nachbarschaft, in der die Probleme nicht zahlreicher sind, als in anderen Nachbarschaften. Zusammen mit der AOZ regeln wir den Betrieb der Waschküche, der Gemeinschaftsräume und der Kommunikationswege. Bei Mieterproblemen regelt jede Organisation diese gemäss ihrem Standardablauf.

Gab es einen Unterschied bei der Vermietung im Vergleich zu anderen Wohnungen des Juwo?

Jean-Marc Hensch: Nicht grundsätzlich, aber aufgrund der Grösse haben wir für die Siedlung eine separate Website eröffnet. Interessierte konnten sich analog zu anderen Wohnungen dann auf der Warteliste eintragen. Als Unterstützung zur Bildung von Wohngemeinschaften (18 5er- und 4 3er-Wohngemeinschaften) setzen wir erstmals Whatsapp-Gruppen ein.

Wie haben Sie die BewohnerInnen auf das Zusammenleben vorbereitet?

Jean-Marc Hensch: Bei Mietvertragsunterzeichnung erhalten alle Juwo-Mietenden eine Schulung über Rechte und Pflichten sowie Informationen zur Nachbarschaft auf dem Areal. Viele unserer Mietenden wohnen bei uns zum ersten Mal ausserhalb des «Hotels Mama», weshalb es sowieso sehr oft zu unserer Aufgabe gehört, sie auf das Verhalten als Mietende einzustimmen und sie entsprechend zu schulen.

Wohnraum für Studierende ist sehr knapp. Da ist die neue Siedlung nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Wo sehen Sie andere Möglichkeiten, das Angebot zu erweitern?

Jean-Marc Hensch: Dank der neuen Wohnsiedlung konnten wir für 102 junge Menschen in Ausbildung bezahlbaren Wohnraum schaffen. Gleichzeitig entwickelt Juwo ein eigenes Projekt für fast gleich viele Wohnplätze auf einem städtischen Grundstück beim Stadion Letzigrund. Im Weiteren werden auch Projekte mit privaten Investoren verfolgt.

 

 

(eine gekürzte Version ist im Grünen Blatt 01/2019 erschienen)