CO2-Senke und Rummelplatz: der Züri-Wald im Klimastress

Eingeladen hatten die Grünen der Stadt Zürich und der Verein Pro Uetliberg. Sie hatten sich im letzten Herbst gegen die grossflächigen Holzschläge rund um den wildromantischen Denzlerweg am Uetlibergnordhang gewehrt und waren dabei durch ein kritisches Förstergutachten im Auftrag der Fondation Franz Weber unterstützt worden. Der Protest blieb zwar vergeblich, aber im Gespräch mit Stadtrat Richard Wolff wurde vereinbart, die unterschiedlichen Anforderungen rund um die Stadtwälder an einer öffentlichen Veranstaltung zu erörtern. Nun sollte der kritische Gutachter auf einem Podium mit den Waldchefs von Stadt und Kanton und weiteren Fachleuten über die Zukunft des Walds im Kanton Zürich diskutieren. So war für Spannung bei den Veranstaltern gesorgt: Würde eine solche Veranstaltung auf genügend Interesse stossen und war überhaupt eine offene Diskussion möglich? Beides hat sich bewahrheitet: über 60 Interessierte kamen ins Forsthaus Waldegg zum Waldrundgang mit anschliessender Podiumsdiskussion und der Anlass war informativ, spannend, unterhaltsam, kontrovers und kritisch.


Im ersten Teil hatten Fachleute von Grün Stadt Zürich einen Rundgang vorbereitet, der an vier Stationen die Themen «Wald als CO2-Speicher», «Naturschutz» (vgl. Foto), «Erholungswald/Rummelplatz» und «Waldentwicklungsplan» anschaulich vorstellte. Das Publikum war sehr gemischt: passionierte UetliberggängerInnen ebenso wie AnwohnerInnen ohne Waldkenntnisse und auch Naturschutz- und Forstfachleute. Ein Mitwanderer trug als stillen Protest ein Plakat mit Vorher-Nachher-Fotos vom Denzlerweg. Unterwegs kamen mehrfach kritische Fragen und Einwände, auf die das Podium dann eingehen sollte.    

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Das Podium im vollbesetzten Forsthaus-Saal war hochkarätig mit Forstleuten besetzt: Mit Reto Mohr und Konrad Nötzli waren die Chefs der Forstverwaltung von Stadt und Kanton Zürich vertreten. Dazu kamen als selbständige Waldfachleute (Forsting. ETH): Adrienne Frei, Fachfrau für Waldnaturschutz, Philipp Maurer, Fachmann für Erholungswald und Richard Stocker, Spezialist für Dauerwald und kritischer Gutachter zum Holzschlag Denzlerweg.
Das Gespräch, geleitet von Radioredaktorin Mirjam Fuchs, kreiste zuerst um die Frage, wie sich der Klimawandel heute schon im Wald auswirkt. Es gibt mehrere Stressfaktoren: mehr Extremereignisse, weichere Böden, rasche Veränderung der Baumarten, aber auch mehr Belastung durch Kühlung und Erholung suchende Menschen. Mittelfristig wird die Fichte im Mittelland weitgehend verschwinden, was für die Holzwirtschaft grosse Umstellungsprobleme bringen wird.


Wieweit, so die zweite Frage, kann der Wald als Klimaschützer wirken, indem das Treibhausgas CO2 im Holz gebunden wird: Der Züri-Wald als CO2-Senke? Hier waren sich alle auf dem Podium einig: diese Klimaschutz-Funktion des Waldes wird überschätzt. Die Idee, für das Wachsenlassen von Wäldern CO2-Zertifikate zum «Klimaschutz» auszustellen, ist ziemlich fragwürdig. Es gibt in der Schweiz genügend andere, wirksamere Klimaschutzmassnahmen. Hingegen könnte das Bauen mit einheimischem Holz noch viel mehr gefördert werden, denn damit wäre das CO2 noch länger gebunden.


Beim Thema «Wald als Rummelplatz» schliesslich geht es vor allem darum, mit geeigneten Regeln und guter Information die Besucherströme zu lenken und Nutzer-Konflikte zu minimieren. Die Meinungen waren aber geteilt, ob eine Art «Uetliberg-Ranger» dabei eine sinnvolle Rolle spielen könnten.


Schliesslich kam Richard Stocker noch auf den Streit um den Holzschlag rund um den Denzlerweg zurück. Das Hauptproblem war für ihn, dass an diesem Ort rund 40 Jahre nicht geholzt worden war und nun ein so grosser Eingriff gemacht wurde. Dabei mussten die Stämme mit Seilbahnen aus dem Hang geholt werden. Durch die Schneisen für die 18 Seillinien entstand ein «Kollateralschaden» von über 1000 gesunden Bäumen, davon viele besonders wertvolle alte Eiben. Eine schonende Dauerwaldbewirtschaftung verlangt viel kürzere Abstände, mit kleineren Holzschlägen im Turnus von 5-6 Jahren. Die Vertreter von Stadt und Kanton betonten, dass eine kantonale Verordnung diesen Wald als Tobelwald und somit Schutzwald einstuft, was einen solchen Eingriff verlangt habe. Auch die neue Schutzverordnung Uetliberg-Albis sei eingehalten worden; alles sei rechtens gewesen. Als Stocker konterte, zwar sei der Holzschlag juristisch nicht angreifbar, aber es sei einfach «gruusig», gab es spontanen Applaus vom Saal.


Damit war auch die Diskussion mit dem Publikum eröffnet und die PodiumsteilnehmerInnen mussten eine ganze Reihe von kritischen Fragen (warum so viele Bäume fällen?) und Einwänden (Bodenzerstörung durch schwere Maschinen, Pestizideinsatz im Wald, usw.) beantworten, bis schliesslich beim anschliessenden Apéro die angeregten Diskussionen im kleinen Kreis noch weitergingen.


Fazit: die Zürcher Wälder müssen vielen Ansprüchen genügen, sind CO2-Senke und Rummelplatz. Die CO2-Senke-Funktion wird aber überschätzt; das Klima kann mit anderen Mitteln wirksamer geschützt werden. Der Klimawandel wird noch zu grossen Veränderungen in der Baumzusammensetzung und bei der Holznutzung führen und gefährdet die Widerstandfähigkeit (Resilienz) des Ökosystems Wald.

UN, 12. 5. 2019