Die «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» fanden dieses Jahr zum vierzehnten Mal zwischen dem 25.11. und dem 10.12. statt. An den 16 Aktionstagen haben sich über 200 Organisationen beteiligt, darunter auch die jungen Grünen Zürich. Anna-Béatrice Schmaltz koordiniert und leitet die Präventions- und Sensibilisierungskampagne. Sie arbeitet bei der feministischen Friedensorganisation cfd und ist Gemeinderatskandidatin für die Grünen Stadt Zürich im Kreis 3.

In diesem Blogbeitrag sprechen Anna-Béatrice Schmaltz und Michelle Huber, Politologin und Gemeinderatskandidatin im Kreis 11, über die 16 Aktionstage, Gewaltprävention und politische Forderungen.

 

Anna-Béatrice Schmaltz: Wir haben dieses Jahr während den 16 Aktionstagen sexualisierte Gewalt fokussiert. Diese Gewalt ist massiv verbreitet. Laut einer Studie von gfs.bern aus dem Jahr 2019 ist mindestens jede zweite Frau in der Schweiz davon betroffen. Statistiken sind binär. Das heisst, nicht-binäre Menschen werden nicht erfasst. Es ist extrem wichtig, dass wir breit auf diese Gewalt aufmerksam machen. Darum ist es auch so wertvoll, dass sich die jungen Grünen Zürich beteiligt haben.

Michelle Huber: Voll. Wir haben eine Kreideaktion zum Thema Catcalling und sexualisierte Gewalt und mehrere informative Social Media Posts gemacht. So konnten wir das Thema in die Öffentlichkeit tragen.

Anna-Béatrice Schmaltz: Ja, das ist ein mega wichtiger Aspekt. Wir müssen mehr über geschlechtsspezifische und sexualisierte Gewalt sprechen. Nur wenn wir über Gewalt sprechen, können wir sie auch verhindern. Es herrschen viele falsche Vorstellungen von sexualisierter Gewalt in unserer Gesellschaft. Zum Beispiel, dass die Tatperson eine fremde Person ist und der Übergriff abends auf dem Heimweg passiert.

Michelle Huber: Oder dass Betroffene nur junge und dem gesellschaftlichen Schönheitsideal entsprechende Frauen sind. Oder dass Männer sich einfach nicht so gut beherrschen können. Diese Vorstellungen sind falsch und fatal.

Anna-Béatrice Schmaltz: Ja genau. Das ist extrem problematisch. Es führt dazu, dass Betroffenen nicht geglaubt, ihnen eine Mitschuld gegeben oder die Gewalt verharmlost wird. Es ist aber auch sehr wichtig, dass wir nicht nur über massive physische Übergriffe sprechen, sondern auch weitere Formen von Gewalt thematisieren. Deshalb verwende ich den breiten Begriff sexualisierte Gewalt. Er zeigt einerseits auf, dass es nicht um Sexualität geht, sondern um Gewalt, die sexualisiert instrumentalisiert wird und andererseits, dass es ein breites Spektrum beinhaltet von verbalen sexuellen Belästigungen, über unerwünschte Berührungen bis hin zu Vergewaltigung.

Michelle Huber: Deshalb haben wir auch diese verbalen Übergriffe im öffentlichen Raum, das sogenannte Catcalling, mit unserer Kreideaktion und einem Social Media Post thematisiert. Es braucht hier auch politische Massnahmen. Es gibt ein Tool von der Stadt Zürich namens «Zürich schaut hin» bei dem sexistische, homophobe und transphobe Belästigung gemeldet werden kann.

Anna-Béatrice Schmaltz: Sehr wichtig! Alle Menschen sollen sich im öffentlichen Raum sicher fühlen. Wichtig ist auch, dass Betroffene Anlaufstellen kennen.

Michelle Huber: Deshalb haben wir auch einen Post zu Anlaufstellen für Betroffene von sexualisierter Gewalt gemacht.

Anna-Béatrice Schmaltz: Es ist elementar, dass Betroffene ernst genommen werden und adäquate Unterstützung erhalten. Wenn du oder eine Person in deinem Umfeld Gewalt erlebt hast, darfst du dich immer an eine Opferberatungsstelle wenden. Dort erhältst du kostenlose Unterstützung. Gemeinsam wird dann entschieden, wie weiter vorgegangen wird. Eine Person, die Gewalt erlebt hat, ist nie schuld daran. Die Verantwortung liegt allein bei der Tatperson. Mit den «16 Tagen gegen Gewalt an Frauen» wollen wir zudem aufzeigen, dass wir als gesamte Gesellschaft die Verantwortung tragen Gewalt zu verhindern. Darum ist auch die Politik gefragt. Was hast du für politische Forderungen?

Michelle Huber: Gewaltprävention muss ausgebaut werden durch Kampagnen, Bildung und Sensibilisierung von Institutionen. Zudem muss sexualisierte und patriarchale Gewalt sauber statistisch erfasst und erforscht werden. Es braucht zudem ausreichende finanzielle Förderung von Frauen- und Mädchenhäusern und anderen Angeboten, die Gewaltbetroffene unterstützen. Last but not least, müssen wir patriarchale Strukturen und Rollenbilder in der Gesellschaft abbauen. Das ist meiner Meinung nach der effektivste Weg, sexualisierte Gewalt zu bekämpfen.

Anna-Béatrice Schmaltz: Sehr einverstanden. Wichtig ist, dass alle Massnahmen inklusiv und barrierefrei umgesetzt werden. Gerade Menschen, die von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind, aufgrund von Rassifizierung, Beeinträchtigung, Geschlechtsidentität oder sexueller Orientierung, müssen spezifisch mitgedacht, angesprochen und unterstützt werden.
Grundsätzlich muss die Istanbul-Konvention, das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt an Frauen und häuslicher Gewalt endlich konsequent umgesetzt werden – auch auf städtischer Ebene. Die Konvention ist seit 2018 in Kraft aber die Umsetzung ist noch nicht so weit. Die Konvention beinhaltet breite Massnahmen: Prävention, Schutz, Unterstützung, Täterarbeit, Strafverfolgung und ausreichende finanzielle Mittel. Es braucht diesen breiten Ansatz, um Gewalt zu verhindern. Und du hast es bereits angesprochen: Gleichstellung ist die beste Gewaltprävention.