Von Stauseen und Grenzkontrollen

Felix Moser
, Di 26.09.17

Im Sommer waren wir im Unterengadin in den Ferien, die ganze Familie, mit Frau und drei Töchtern. Weil die Kinder unbedingt nach Italien wollten (dort gibt es feine Pizza) und wir noch nie am Reschensee waren, machten wir einen Tagesausflug über Scuol und Martina ins Vinschgau. So konnten wir den Grauner Turm besichtigen, den ich schon lange einmal sehen wollte. Das ergibt eine Drei-Länder-Busfahrt aus der Schweiz über Österreich nach Italien, am Abend dann zurück.

Grauner TurmDer Grauner Turm ist eindrücklich. Der obere Teil des Kirchturms ragt aus dem Stausee, der Rest der Kirche wurde gesprengt, als der See gebaut wurde. Hier waren einmal Dörfer, Ställe, Strassen, hier wohnten Menschen. Das ganze Tal wurde der Energiegewinnung geopfert, Hunderte von Menschen umgesiedelt. Im faschistischen Italien konnten die EinwohnerInnen nicht einmal mitreden und erhielten keine Entschädigung. Der Damm musste damals auf Druck von Schweizer Geldgebern rasch gebaut werden, konkret war es die Elektrowatt mit Sitz in Zürich, die Druck ausübte, und auch die Stadt Zürich war via EWZ beteiligt. Heute sind Flutungen von Dörfern zum Glück kaum noch vorstellbar, zumindest in der Schweiz. Aber immer noch werden Landschaften für die Energie geopfert, so auf der Limmern, oder geplant auf dem Grimsel. Wer konsequent denkt, kann nur zu einem Schluss kommen: Wir müssen in erster Linie unsern Energieverbrauch verringern, das ist die einzig richtige Lösung unserer Energieprobleme.

Nach dem Fotoshooting vor und mit dem Grauner Turm machten wir eine kleine Wanderung zu einem Bergrestaurant (leider ohne Pizza für die Kinder), danach hinunter nach Reschen zum Bus zurück ins Engadin. Der Bus war voller Wanderer, Tagestouristen aus Österreich und der Schweiz. Ich döste so vor mich hin, bis wir die Grenze zwischen Italien und Österreich passierten. Zwei österreichische Zöllner steigen ein, schauten sich um. Ich habe keine Ahnung, wen oder was sie suchten, kontrolliert wurde jedenfalls nur eine Person: meine Frau – sie hat als einzige im Bus eine dunkle Hautfarbe. Nun ja, das kann Zufall sein, wer weiss. Nachdem die Zöllner ein paar dumme Fragen gestellt haben (Sprechen Sie deutsch? Ja. Was machen Sie hier? Wandern. Wohin gehen Sie? Scuol. Wie lange waren Sie in Italien? Tagesausflug.) und die Schweizer ID kritisch überprüft haben, lassen sie den Bus weiterfahren. Kurz darauf fährt der Bus vor Martina über die Schweizer Grenze, zwei Schweizer Zöllner steigen ein, wen kontrollieren sie? Genau: Es gibt nur eine Person mit dunkler Hautfarbe im Bus, meine Frau. Es herrscht offensichtlich nicht nur in der Stadt Zürich Handlungsbedarf bezüglich «Racial Profiling», sondern auch bei den Zollbeamten in der Schweiz wie auch in Österreich.

Und was meinten unsere Kinder dazu? «Die haben sicher gedacht, Mami sei ein Flüchtling.» Und ein bisschen enttäuscht waren sie schon, dass sie selber nicht kontrolliert wurden, immerhin sei ihre Hautfarbe auch ein Stück dunkler als die meinige.

(erschienen im PS vom 15. September 2017)

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