Schweizerische Integrationsresistenz

Peter Schneider
, Mi 14.06.17

Frühmorgens, auf dem Weg in die Tiefe, am Zürcher Hauptbahnhof: Ganz sanft, mit einem freundlichen Lächeln und mit ausgesuchter Höflichkeit versucht ein gut aussehender und fast fein gekleideter, dunkelhäutiger Herr – Herkunft: vielleicht Indien oder eines seiner ebenfalls Linksverkehr praktizierenden Nachbarländer – eine Dame in den obersten schweizerischen Rolltreppengrundsatz einzuweihen: «Rechts stehen – links gehen!» Sein perfektes Deutsch soll hier gar nicht betont werden.

Die Schweizerin – leicht ergraut, vom 4. Lebensalter jedoch gewiss noch eine gute Strecke entfernt – mag das nicht recht einsehen: Sie müsse sich schliesslich irgendwo festhalten. Rechts neben ihr steht bereits das Rollköfferchen im Weg und dieses führt dazu, dass der Überholmarsch beidseitig verwehrt bleibt bis dass die flüchtige Begegnung mit der Ankunft auf dem Niveau des Untergeschosses ihr Ende findet.

Dort, unterirdisch, endet auch der standfeste Positionsbezug dieser Aktivistin. Ihr subtiler, stillschweigender Protest gegen den Durchmarsch des rechten Mainstreams konnte sich dem Ausländer ja nicht erschliessen, zumal er wohl auch den Einheimischen verborgen blieb. Nicht einzulösen der Anspruch, die schweizerische Eigenart in ihrer ganzen Vielfalt zu verstehen. Wozu auch der vergebliche Versuch? Den Zug hat schliesslich niemand verpasst.

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