S‘bitzeli Integration gefälligst?!

Elena Marti
, Mi 03.05.17

Der Blick hat vor Kurzem einen sogenannten «Integrationsvertrag» abgedruckt. Er zeigt exemplarisch, wie realitätsfremd in unserem Land über Integration diskutiert wird.

Das Thema Integration ist in der hiesigen Politik und den Schweizer Medien omnipräsent. Das Problem dabei: Fast immer wird im Zusammenhang mit Integration über negative Dinge gesprochen.

Das Wort «Integration» wird oft herumgebrüllt. Menschen, die sich vermeintlichen gesellschaftlichen Normen nicht beugen, werden ausgegrenzt und schikaniert. Ihnen gegenüber wird eine Nulltoleranz-Politik betrieben. Die Schweiz ist ein Land mit festgefahrenen Vorstellungen von Gut und Böse. Reaktionär-konservative Werte sind in Teilen unserer Gesellschaft tief verankert. Dies sieht man beispielsweise auch daran, dass allen Ernstes noch im Jahr 2017 für den Vaterschaftsurlaub gekämpft werden muss.

In der Einführung des Blick-Textes steht: «Ich will in der Schweiz leben und werde mich so rasch wie möglich integrieren». Und weiter: «Ich, der oder die Unterzeichnende, anerkenne die Grundlagen des Zusammenlebens in der Schweiz und bin bereit, folgende Werte, Pflichten und Normen zu respektieren.» Anschliessend werden in drei Spalten Rechte, Pflichten und Normen aufgelistet.

Liest man diesen «Vertrag», könnte man meinen, die Schweiz sei das Paradies schlechthin – frei von jeglicher Diskriminierung und Ungerechtigkeiten. Vor dem Gesetz sind alle gleich, zwischen Mann und Frau gäbe es weder lohnpolitisch noch gesellschaftlich irgendwelche Unterschiede. LGBTIQs hätten mit gar nichts zu kämpfen, denn in der Schweiz geniesse jedeR eine «hohe persönliche Freiheit». So erfährt man natürlich auch keine Nachteile aufgrund der Herkunft oder der Hautfarbe.

Eine Pflicht sei es, am «Schweizer Alltag» teilzunehmen. Kein Wort darüber, wie schwierig es teilweise als MigrantIn ist, in Vereinen aufgenommen zu werden. Und mitreden dürfe sowieso jedeR bei allem. Von wegen. AusländerInnen in der Politik? Fehlanzeige.

Und dann ist da noch die Spalte mit den «Normen». Hier steht u.a.: «Man trägt Konflikte aus anderen Ländern und Kulturen nicht in die Schweiz.» Dass man keine Konflikte in diesem Land haben möchte, ist symptomatisch für die Ignoranz der Schweiz gegenüber dem Rest der Welt. Die Schweiz ist ein Platz für den Handel mit Daten, Kriegsmaterialien und Rohstoffen. Sie verdient gerne daran, schert sich aber nicht um die Konsequenzen – an der Entstehung erwähnter «Konflikte» hat die Schweiz nämlich durchaus ihren Anteil.

Dieser Blick-Text ist schwachsinning. Was der Blick im Grunde genommen will, ist nicht Integration – sondern Assimilation. Bleiben wir auf dem Boden und erkennen, dass es in der Schweiz noch viel zu tun gibt. Und zwar gemeinsam – denn Integration gelingt nur, wenn sie nicht als etwas Einseitiges verstanden wird und auf Gleichberechtigung und Offenheit basiert. Sie ist ein Geben und Nehmen von beiden Seiten.

 

(erschienen am 28. April 2017 im P.S.)

Kommentare

Schön, dass Du diesen selbstgerechten und demagogischen Mumpitz aufgreifst. Aber man könnte das ja auch positiv anschauen: Machen wir die Schweiz zum Paradies!
Zuerst setzen wir die Vertragsbestimmungen in unserer Rechtsordnung und im Alltag um:
Zum Beispiel:
§1. Das Schweizer Recht gilt füt alle - Und alle geniessen natürlich auch die gleichen Rechte.
§3. Mann und Frau sind gleichberechtigt - und erhalten gleichen Lohn für gleiche Arbeit - Das ist auch eine Frage des «gleichen Respekts».
§4. JedeR geniesst hohe persönliche Freiheit ... Niemand wird wegen Herkunft ... diskriminiert. Auch Asylsuchende werden z.B. nicht mehr in Ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.
Wenn die Schweiz dann den Vertrag einhält, sind du und ich und überhaupt alle BewohnerInnen aufgefordert, diesen ihrerseits zu unterschreiben. Wer das tut, erhält damit das Stimm- und Wahlrecht und - sofern es eines solchen dann noch explizit bedarf - natürlich das Bleiberecht.

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