Karin Rykart übergibt den Stab

Di 10.10.17

Die Grüne Gemeinderatsfraktion der Stadt Zürich hat einen neuen Fraktionspräsidenten: Markus Kunz (58) löst Karin Rykart (46) nach vier Jahren im Amt ab. Karin Rykart soll die Grünen ab 2018 im Zürcher Stadtrat vertreten. Luca Maggi, Vizepräsident der Grünen Stadt Zürich, hat sich mit beiden unterhalten.

Karin, du wurdest anfangs Juli von unseren Mitgliedern zur zweiten Stadtratskandidatin neben Daniel Leupi gekürt. Einen schöneren Grund als Fraktionspräsidentin zurückzutreten gibt es wohl nicht.

Karin: Natürlich, die nächsten Monate stehen für mich ganz im Zeichen der Stadtratswahlen. Ich möchte unseren 2014 verlorenen Sitz unbedingt für die Grünen zurückerobern. Trotzdem fällt es mir auch schwer. Ich habe diesen Job mit grosser Freude gemacht. Ohne die Stadtratskandidatur wäre ich nicht zurückgetreten.

Markus: Karin hinterlässt eine Fraktion, die ausgezeichnet funktioniert. Gerade das Zwischenmenschliche stimmt perfekt, das hat man auf unserer Fraktionsreise in diesem Frühling gespürt. Es ist einfach, eine solche Fraktion zu übernehmen.

Als neuer Fraktionspräsident wirst du den Führungsstil also nicht völlig ändern?

Markus: Auf keinen Fall. Karin hat allen Fraktionsmitgliedern Raum gegeben, sich einzubringen. Sie hat sich und ihre Themen als Präsidentin nie in den Vordergrund gestellt. Das möchte ich beibehalten. Heute sind wir thematisch sehr breit aufgestellt.

Karin: Mir war wichtig, dass sich alle in die Fraktion einbringen können. Da muss man sich als Fraktionspräsidentin auch mal zurücknehmen und zuhören. Dieses Amt macht dich nicht zur Chefin. Du stellst die Fraktionsmitglieder ja nicht selber ein, sie werden gewählt. Darum ist es umso wichtiger, dass alle motiviert mitarbeiten.

Markus: Aber, man muss die Leute auch in die Pflicht nehmen. Das will ich in Zukunft vermehrt tun. Einzelgespräche führen, unsere ParlamentarierInnen fragen, warum sie dieses Amt ausüben. Politisch steht viel auf dem Spiel; wir können uns leider nicht ausruhen.

Wie meinst du das? Die Mehrheiten in der Stadt sind doch klar.

Markus: Wir haben im Gemeinderat wegen einem Sitz keine linke Mehrheit. Zudem kann sich sehr schnell vieles ändern, etwa, falls wegen dem neuen Gemeindegesetz eine Totalrevision der Gemeindeordnung durchgeführt wird. All die Zweckartikel, welche hauptsächlich dank Grünen Initiativen verankert sind, stehen dann neu zur Verhandlung. Grünstadt, 2000-Watt-Gesellschaft, gemeinnütziger Wohnungsbau oder Langsamverkehr – das alles ist bei diesen Mehrheiten nicht so breit abgestützt, wie es die Stadtbevölkerung bei Abstimmungen zum Ausdruck bringt.

Karin: Markus hat recht. Wir haben in den letzten Jahren viel erreicht. Die Grünen spielten bei verschiedenen Themen eine tragende Rolle. Ich erinnere an den Richtplan und die Bau- und Zonenordnung (BZO), wo wir viel im Hintergrund arbeiteten und durchbrachten. Oder ans Bundesasylzentrum, wo wir von Anfang klare Versprechen und Bekenntnisse der Stadt forderten und einiges herausholten. In Verkehrsfragen oder in der Energiepolitik sind wir nach wie vor Themenführerin. Und auch in der Wohnpolitik spielen wir mit AL und SP eine zentrale Rolle.

Karin, alle Grünen hoffen, dass du dich für diese Themen ab 2018 im Stadtrat stark machen und dort weitere Pflöcke für die Stadt Zürich einschlagen kannst. Was nimmst du aus deinen vier Jahren als Fraktionspräsidentin mit?

Karin: Als Fraktionspräsidentin war ich Ansprechperson für die anderen Parteien. Als ich jung war, hätte ich mir nie vorstellen können, beispielsweise mit einem SVP’ler an einem Tisch zu sitzen und zu diskutieren und verhandeln. Als Fraktionspräsidentin versuchst du diese Ansichten zu verstehen - auch wenn es dir nicht gelingt. Wir leben zwar in derselben Stadt, aber oft in völlig verschiedenen Welten. Das war schon lehrreich.

Markus: Als Fraktionspräsident musst du wie in einer parlamentarischen Kommission funktionieren. Zusammenarbeit ja, aber es geht auch um Abgrenzung.

 

(erschienen im «grünes blatt» Nr. 4/2017